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"Ich will den anderen nicht vorwerfen, dass sie keine Zitronenbäume sehen."
Über Sebastian Deislers jüngstes Auftreten in den Medien, im Dossier der Zeit und bei Stern TV, wurde hier, hier und auch hier, besonders reflektiert und besonnen aber hier ausführlich berichtet. Es muss jetzt nicht diskutiert werden, dass/ob Sebastian Deisler gerade ein Buch veröffentlicht, für den optimalen Abverkauf eben dieses Buches augenblicklich vor die Presse tritt, und dass/ob er damit einen Schritt auf diejenigen zu macht, gegen die er sich mit seinem Rücktritt 2007 wehren wollte.


Bundesliga: Das Land, wo die Zitronen blühen.

Es geht ergo auch nicht um die Verkaufszahlen von Deislers Buch, es geht nicht um Depression uns es geht auch nicht (nur) um Humankapital im Bundesligazirkus. Es geht doch um die Frage, "ob das System, das ich verlassen habe, vielleicht kranker ist, als ich es war." -- und ja, Deisler ist pathetisch, polemisch und bisweilen populistisch. Aber er stellt Fragen, die bislang nicht nachdrücklich genug gefragt wurden. Und tritt genau da nach, wo es weh tut. So etwas gefällt Vorstoppern nun einmal. Und plötzlich erinnern sich alte Weggefährten wie Ottmar Hitzfeld (ein Lörracher Spezi von Sebastian Deislers Vater), es solle uns nachdenklich machen, dass "Sebastian Deisler dem deutschen Fußball verloren gegangen ist". Ausgerechnet Hitzfeld, Deislers alter Trainer bei den Bayern, deren Präsident und Bundeskaiser ihn eins titulierte als einen, "der sich verkriecht und über seine Wehwehchen beklagt". Danke, Franz.

Gleichzeitig gerät bei all der Deislerei in Vergessenheit, dass auch ein anderes, einstmals großes Talent des deutschen Fußballs sich diesen Sommer aus dem Business zurückgezogen hat. Tobias Rau, Deutscher Meister, Pokalsieger, und immerhin 7-facher Nationalspieler, hat sich zum Wintersemester 2009/2010 an der Bielefelder Universität für's Lehramt eingeschrieben. Zu der Option, dem Profifußball in einer anderen Stadt als Bielefeld treu zu bleiben, konstatiert Rau in der Rheinischen Post nüchtern, "eine neue Stadt, neue Freunde, alles neu aufbauen - das wollte ich nicht", -- ein geradezu anachronistischer Ansatz, den Rau da verfolgt. In einer Zeit, in der Spieler länderübergreifend als Söldner die 4. Ligen der Europäischen Union nach dem bestverfügbaren Salär durchforsten.

So unterschiedlich die Motivationen und Beweggründe von Deisler und Rau auch gewesen sein mögen; so unterschiedlich ihre gleichermaßen kurzen Karrieren verlaufen sein mögen (hier der Wunderknabe aus dem Süden, Gladbach, Basti-Fantasti, Nationalelf, FC Bayern; dort der Braunschweiger, der zum damals mittelmäßigen Wolfsburger Lokalrivalen wechselte, schließlich die Bayernbank wärmte und in Bielefeld seine Karriere beendete), beide sind sie wohl trotz ihres Talents, ihres Willens - und letzten Endes dank ihrer Weisheit nicht dort gelandet, wo sie ohnehin niemand je hätte sehen wollen. Als Lottoannahmestellenbetreiber, als Versicherungsmakler oder als Betreiber einer postmodernen Indoor-Soccer-Arena. Das hätten wir doch wirklich erst recht nicht gewollt.

Autobiographie als Selbstheilung, Lehramt als Erdung - dies sind zwei Therapieansätze für gar nicht einmal so unterschiedliche Krankheitsbilder. Denn eigentlich geht es unterm Strich dann eben doch nur um eines, wie Deisler abermals pathetisch und polemisch, aber um so ehrlicher und nachvollziehbarer formuliert; es geht um "die Freude über den gelugenen Pass".




Bild: Flickr.com/alasam, veröffentlicht unter der Creative Commons-Lizenz.
Veröffentlicht von Felix Willeke um 23:20:12 am 11.10.2009 in Rubrik "Die Erkenntnis"
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