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Frisch ausgelesen (I)

Die Biographie von Jürgen Klinsmann

Noch vor der Weltmeisterschaft 2006 erschien im Scherz Verlag (kein Scherz, der heißt wirklich so) eine Biografie über Jürgen Klinsmann. Glücklicherweise handelt es sich um keine Autobiographie, so dass wir von wirklich schlechtem Deutsch (z.B. in der Günter Netzer Biographie), Ego-Motivations-Gerede (unerträglich bei Oliver Kahn) oder unnötigen Enthüllungen (Bodo Illgner und, ganz schlimm, Stefan Effenberg) verschont bleiben.

Die Klinsmann Biografie ("Stürmer Trainer Weltmeister") wurde von dem immer wieder gern gelesenen FAZ-Autor Michael Horeni verfasst. Und das ist auch der große Vorteil des Buches: Keine andere Fußballerbiographie, die ich bislang gelesen habe, kommt sprachlich und intellektuell Horenis Werk heran. Nun kann man natürlich leicht sagen: Gut, epische Meisterwerke darf man bei Sportler-Biografien ohnehin nicht erwarten, Horeni hatte es also leicht aus der tristen Fußballer-Biographie Masse hervorzustechen. Dennoch ist es einfach angenehm, 316 Seiten auf FAZ-Niveau das Verhältnis von Klinsmann zu Matthäus, zu Berti Vogts und zu Uli Hoeneß oder das großartige Achtelfinale gegen Holland bei der WM 1990 beschrieben zu bekommen.

Nachteil 1: Horeni hat Klinsmann ganz offensichtlich seit vielen Jahrzehnten intensiv begleitet und dabei die Distanz zu seinem Objekt völlig verloren. Alles, was der Schwabe anfasst, wird von Horeni positiv beschrieben. Zwar lässt er zwischendurch durchblicken, dass z.B. Klinsmanns Wanderjahre zwischen Monaco, Tottenham, Bayern, Sampdoria Genua und wieder Tottenham auch von Unstetigkeit und übertriebenem Individualismus zeugen. Grunsätzlich gilt aber: Hoeneß, Blidzeitung, Matthäus und Beckenbauer sind die Bösen, Klinsmann ist der beste, innovativste, fairste, toleranteste und interessantes Fußballer, den die Bundesliga bislang gesehen hat. Und selbst wenn es stimmt mag man es nicht mehr glauben, da Horeni dies einfach überbetont:

"In Georgien, einem traditionell deutschfreundlichem Land, dessen kulturelle Verbindungen nach Deutschlad bis ins Kaiserreich zurückreichen, schottete sich der DFB von der harten Realität jedoch völlig ab. Denoch glückte es Jürgen Klinsmann auch unter diesen selbstbezogenen Verhältnissen, mit kleinen Gesten die Menschen immer wieder zu erreichen. Vor dem Spiel etwa winkte er lange ins Publikum und lächelte sein umwerfendes Lächeln, mehr musste er gar nicht tun, um die Herzen der Georgier zu gewinnen."

Trief....

Nachteil 2: Leider endet die Biografie kurz vor der WM 2006, so dass die wirklich spannenden Passagen in einer zweiten Auflage beschrieben werden müssen. Gerade eine detaillierte Beschreibung von Klinsmanns unglücklichem Engagement beim FC Bayern hätte den Fußballfan sicher brennend interessiert. Und hier hätte sich Horeni auch ziemlich verbiegen müsste, um auch diese Klinsmann-Station als Erfolg zu verkaufen. Warten wir drauf, vielleicht gibt es ja noch eine Neuauflage.

Letzten Endes ist Klinsmann ein Kind der 90ger. Seine großen Jahre lagen zwischen dem Fallrückzieher gegen die Bayern 1987 und der roten Karte gegen Christian Wörns 1998. In diesen Jahren spielte er überwiegend im Ausland, wie so viele deutsche Profis. Und somit wurde mir beim Lesen nochmals klar, wie langweilig Fußball in Deutschland zwischen 1990 und 2000 eigentlich war. Die Bundesliga war international wenig vertreten, die Nationalmannschaft mit Ausnahme der EM 1996 ziemlich schwach und die großen, internationalen Stars machten einen weiten Bogen um die Bundesliga. Allein die Tatsache, dass bei der Rückkehr von Lothar Matthäus zum FC Bayern das Münchener Olympiastadion seinetwegen ausverkauft war (wohlgemerkt: der Gegner hieß damals Wattenscheid) und er 1998 von Vogts tatsächlich in den WM-Kader zurückgeholt wurde, sagt ja einiges über den Grad der Verzweiflung beim DFB aus…aber das nur eine These am Rande.

Fazit: Gutes Buch, interessante Story, ein bisschen viel Biografenliebe aber unterm Strich eine gute Lektüre für die zukünftige Zeit zwischen den beiden Samstagsspielen. Ein bisschen Genuß, aber noch lange kein Muss.

Veröffentlicht von Florian Wichelmann um 00:12:36 am 07.08.2009 in Rubrik "Aktuell"
Kommentare
Felix schreibt:
Further Reading übrigens bei Torwort, wo über die Kürung vom Buch des Jahres durch die Deutsche Akademie für Fußballkultur berichtet wird. Check http://redir.ec/KTaJ
Felix | Website |07.08.2009 - 19:24
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