Ein bisschen mehr Mainz für die Bundesliga!

Stadion am Bruchweg, Mainz, Fankurve, Samstagnachmittag, 15:30 Uhr. (Foto: Die Vorstopper)
Es hat ja immer etwas historisches, so eine Niederlage der großen Bayern bei einem Aufsteiger zu erleben. So etwas gibt es schließlich nicht alle Tage, zu häufig hat man die Bayern dann doch noch in letzter Minute siegen sehen, mit ihrer typischen Behäbigkeit, einem hilfreichen Schiedsrichter und dem berühmten Bayern-Dusel. Und natürlich ist man, so als gewöhnlicher Fußballfan, in solchen Fällen immer auf Seiten des Underdogs, Hauptsache, die Bayern verlieren, so ist man schließlich groß geworden im Fußball. Und umso besser, wenn der Sieg des Außenseiters dann auch noch verdient ist, Wetter und Stimmung bestens sind und das Spiel auch noch echte Spannung bietet.
Toller Fußballnachmittag also, dieser vergangene Samstag im Mainzer Stadion am Bruchweg, als wahrscheinlich einziger Nicht-Mainz-Fan in der Fankurve des FSV.
Nur etwas war irgendwie anders.
Oder sagen wir: zumindest anders, als ich es von meinen sonstigen Stadionbesuchen in der ersten Liga kannte.
Am Mainzer Bahnhof noch, gut zwei Stunden vor Spielbeginn, da hatten wir die ersten Bayern-Fans entdeckt, mit ihren T-Shirts, auf denen Sachen standen wie „Euer Hass ist unser Stolz“. Ziemlich fehl am Platze, so eine Aussage, aber gut – das ist übliche Bundesliga-Folklore. Es ist ja auch kein gemeinsames Sportfest, sondern ein Spiel gegeneinander, und natürlich will man den Gegner besiegen, ihn am besten gar weinend und gedemütigt vom Platze kriechen sehen.
Dann aber, im Stadion, diesem kleinen, gemütlichen Stadion, wo ganze Familien (und Mütter mit ihren Töchtern!) in die Fankurve ziehen, war es wirklich anders sonst, zumindest anders als anderswo. Als der Stadionsprecher die „gegnerischen Fans“ begrüßte, spendeten die Mainzer Fans auch in der Kurve herzlichen Applaus. Als die eigene Mannschaft aufs Spielfeld lief, gab es selbstverständlich Jubel; als die Bayern kamen, nicht einen einzigen Pfiff, im Gegenteil: wieder Applaus.
Als der Stadionsprecher die Aufstellung der Bayern verlas, wurde nicht bei jedem Namen „Arschloch“ gerufen, wie es in den allermeisten Stadien der Bundesliga unselige Tradition ist. Ja, nicht einmal Buhrufe waren zu hören – stattdessen nur ein paar Mainzer Fans, die sich einen Spaß daraus machten, bei der Nennung der Bayern-Spieler den Namen jenes fast schon vergessenen Bayern-Trainers aus der letzten Saison zu skandieren, der mit dem „Jeden Spieler jeden Tag besser machen“ und so. Das fand ich zumindest ganz witzig.
Und während des Spiels? Ich hätte ja zumindest einmal, ein einziges Mal!, den alten Klassiker erwartet (oder gibt es den etwa gar nicht mehr?) – die Aufforderung an die eigene Mannschaft, dem Gegner aus Bayern die Lederhosen auszuziehen. Oder zumindest ein plattes „Scheiß-Bayern“, vielleicht auch ein paar derbe Sprüche in Richtung Uli Hoeneß, oder was auch immer.
Stattdessen: nichts.
Also, natürlich war richtig viel los in der Mainzer Fankurve, gerade nach der tollen ersten Halbzeit des FSV. Fangesänge wie überall, von „Shalalala“ bis zu „Auf geht's, Mainzer, kämpfen und siegen!“ (siehe Kommentare unten), und mehr als einmal musste ich mich gerade in der zweiten Hälfte dabei ertappen, wie ich mitschrie und mitanfeuerte für den Bundesliganeuling, der da so sympathisch und ohne Angst vor großen Namen die Bayern niedermachte. (Nur bei einem Fangesang hatten wir leichte Verständnisprobleme: „Auf geht’s ihr rot-weißen Jungs, schießt ein Tor für uns“, sangen die Fans – so weit, so gut, doch dann ging es irgendwie mit „ihr 34 Jungs“ weiter, und wir fragten uns schon, was es denn damit auf sich habe... – aber wahrscheinlich war das wohl wirklich nur ein Verständnisproblem, von wegen „Weißer Neger Wumbaba“ undsoweiter. Aber das nur am Rande.)
Ja, anders war’s also in Mainz, und das auch nach dem Spiel. Woanders müssen gegnerische Fans ja gern noch mindestens eine halbe Stunde nach Spielschluss in ihrem Block ausharren, um direkte, womöglich gewalttätige Konfrontation mit den Heimfans zu vermeiden. Und in Mainz? Nichts dergleichen (stattdessen rief der Stadionsprecher, wenn auch etwas verwirrend, kurz vor Ende des Spiels noch die nächste Zugverbindung nach München aus – zumindest ein netter Service).
Auch vor den Toren des Stadions blieb die Stimmung wie schon in den 90 Minuten zuvor: ausgelassen und friedlich. Außer einer langen Rückfahrt hatten gelegentlich vorbeiziehende Bayern-Fans nichts zu befürchten, nicht einmal ein bisschen Häme. (Vielleicht eher noch Mitleid, zumal die Bayern-Stars sich nach der Blamage nicht einmal bei ihren mitgereisten Fans verabschiedet hatten, ein echtes Unding).
Mit dem Fahrrad fuhren wir vom Stadion aus zurück in die Innenstadt, tranken ein Radler am Rhein, und eine friedliche Stimmung legte sich über die Stadt, deren Fußballverein gerade den großen FC Bayern bezwungen hatte. Ein seltsames Fußballvolk hatte sich hier doch gefunden – ein seltsames, aber wirklich liebenswertes (zumindest an diesem Nachmittag; ich weiß ja nicht, wie es ist, wenn Mainz mal wieder in einer Liga mit Lautern spielen sollte).
Und wenn man sich, so dachte ich mir an dem Abend, die Entwicklung in Italien anschaut – wo sich Väter nicht mal mehr mit ihren Söhnen zu den Spielen der „Serie A“ trauen – dann müsste man doch im Grunde genommen mal festhalten, dass der Bundesliga, zumindest in Sachen Fankultur, ein bisschen mehr Mainz ganz gut tun würde.
Herzlich willkommen zurück, lieber 05er.

Stadion am Bruchweg, Mainz, Fankurve, Samstagnachmittag, 15:30 Uhr. (Foto: Die Vorstopper)
Es hat ja immer etwas historisches, so eine Niederlage der großen Bayern bei einem Aufsteiger zu erleben. So etwas gibt es schließlich nicht alle Tage, zu häufig hat man die Bayern dann doch noch in letzter Minute siegen sehen, mit ihrer typischen Behäbigkeit, einem hilfreichen Schiedsrichter und dem berühmten Bayern-Dusel. Und natürlich ist man, so als gewöhnlicher Fußballfan, in solchen Fällen immer auf Seiten des Underdogs, Hauptsache, die Bayern verlieren, so ist man schließlich groß geworden im Fußball. Und umso besser, wenn der Sieg des Außenseiters dann auch noch verdient ist, Wetter und Stimmung bestens sind und das Spiel auch noch echte Spannung bietet.
Toller Fußballnachmittag also, dieser vergangene Samstag im Mainzer Stadion am Bruchweg, als wahrscheinlich einziger Nicht-Mainz-Fan in der Fankurve des FSV.
Nur etwas war irgendwie anders.
Oder sagen wir: zumindest anders, als ich es von meinen sonstigen Stadionbesuchen in der ersten Liga kannte.
Am Mainzer Bahnhof noch, gut zwei Stunden vor Spielbeginn, da hatten wir die ersten Bayern-Fans entdeckt, mit ihren T-Shirts, auf denen Sachen standen wie „Euer Hass ist unser Stolz“. Ziemlich fehl am Platze, so eine Aussage, aber gut – das ist übliche Bundesliga-Folklore. Es ist ja auch kein gemeinsames Sportfest, sondern ein Spiel gegeneinander, und natürlich will man den Gegner besiegen, ihn am besten gar weinend und gedemütigt vom Platze kriechen sehen.
Dann aber, im Stadion, diesem kleinen, gemütlichen Stadion, wo ganze Familien (und Mütter mit ihren Töchtern!) in die Fankurve ziehen, war es wirklich anders sonst, zumindest anders als anderswo. Als der Stadionsprecher die „gegnerischen Fans“ begrüßte, spendeten die Mainzer Fans auch in der Kurve herzlichen Applaus. Als die eigene Mannschaft aufs Spielfeld lief, gab es selbstverständlich Jubel; als die Bayern kamen, nicht einen einzigen Pfiff, im Gegenteil: wieder Applaus.
Als der Stadionsprecher die Aufstellung der Bayern verlas, wurde nicht bei jedem Namen „Arschloch“ gerufen, wie es in den allermeisten Stadien der Bundesliga unselige Tradition ist. Ja, nicht einmal Buhrufe waren zu hören – stattdessen nur ein paar Mainzer Fans, die sich einen Spaß daraus machten, bei der Nennung der Bayern-Spieler den Namen jenes fast schon vergessenen Bayern-Trainers aus der letzten Saison zu skandieren, der mit dem „Jeden Spieler jeden Tag besser machen“ und so. Das fand ich zumindest ganz witzig.
Und während des Spiels? Ich hätte ja zumindest einmal, ein einziges Mal!, den alten Klassiker erwartet (oder gibt es den etwa gar nicht mehr?) – die Aufforderung an die eigene Mannschaft, dem Gegner aus Bayern die Lederhosen auszuziehen. Oder zumindest ein plattes „Scheiß-Bayern“, vielleicht auch ein paar derbe Sprüche in Richtung Uli Hoeneß, oder was auch immer.
Stattdessen: nichts.
Also, natürlich war richtig viel los in der Mainzer Fankurve, gerade nach der tollen ersten Halbzeit des FSV. Fangesänge wie überall, von „Shalalala“ bis zu „Auf geht's, Mainzer, kämpfen und siegen!“ (siehe Kommentare unten), und mehr als einmal musste ich mich gerade in der zweiten Hälfte dabei ertappen, wie ich mitschrie und mitanfeuerte für den Bundesliganeuling, der da so sympathisch und ohne Angst vor großen Namen die Bayern niedermachte. (Nur bei einem Fangesang hatten wir leichte Verständnisprobleme: „Auf geht’s ihr rot-weißen Jungs, schießt ein Tor für uns“, sangen die Fans – so weit, so gut, doch dann ging es irgendwie mit „ihr 34 Jungs“ weiter, und wir fragten uns schon, was es denn damit auf sich habe... – aber wahrscheinlich war das wohl wirklich nur ein Verständnisproblem, von wegen „Weißer Neger Wumbaba“ undsoweiter. Aber das nur am Rande.)
Ja, anders war’s also in Mainz, und das auch nach dem Spiel. Woanders müssen gegnerische Fans ja gern noch mindestens eine halbe Stunde nach Spielschluss in ihrem Block ausharren, um direkte, womöglich gewalttätige Konfrontation mit den Heimfans zu vermeiden. Und in Mainz? Nichts dergleichen (stattdessen rief der Stadionsprecher, wenn auch etwas verwirrend, kurz vor Ende des Spiels noch die nächste Zugverbindung nach München aus – zumindest ein netter Service).
Auch vor den Toren des Stadions blieb die Stimmung wie schon in den 90 Minuten zuvor: ausgelassen und friedlich. Außer einer langen Rückfahrt hatten gelegentlich vorbeiziehende Bayern-Fans nichts zu befürchten, nicht einmal ein bisschen Häme. (Vielleicht eher noch Mitleid, zumal die Bayern-Stars sich nach der Blamage nicht einmal bei ihren mitgereisten Fans verabschiedet hatten, ein echtes Unding).
Mit dem Fahrrad fuhren wir vom Stadion aus zurück in die Innenstadt, tranken ein Radler am Rhein, und eine friedliche Stimmung legte sich über die Stadt, deren Fußballverein gerade den großen FC Bayern bezwungen hatte. Ein seltsames Fußballvolk hatte sich hier doch gefunden – ein seltsames, aber wirklich liebenswertes (zumindest an diesem Nachmittag; ich weiß ja nicht, wie es ist, wenn Mainz mal wieder in einer Liga mit Lautern spielen sollte).
Und wenn man sich, so dachte ich mir an dem Abend, die Entwicklung in Italien anschaut – wo sich Väter nicht mal mehr mit ihren Söhnen zu den Spielen der „Serie A“ trauen – dann müsste man doch im Grunde genommen mal festhalten, dass der Bundesliga, zumindest in Sachen Fankultur, ein bisschen mehr Mainz ganz gut tun würde.
Herzlich willkommen zurück, lieber 05er.
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Kommentieren (7)
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Danke für den netten Bericht
Das haben sie dann schon selbst gemacht. Nach dem Spiel standen zwei halbnackte Bayern vorm Stadion. Siehe Link der Website.
das was Du erlebt hast ist "fast" Normalität am Bruchweg. Klar gibt es auch Gegner, die nicht GANZ so herzlich empfangen werden (1. FCK, SGE) - aber grundsätzlich läuft es so ab.
Hab mich mal länger mit unserem Stadionsprecher darüber unterhalten - er fordert sei Jahren das die Gegner mit Respekt und Freude empfangen werden. Schliesslich gäbe es ohne Gegner kein "Fussballfest".
Rot-Weiße Grüße
Ingrid